Διάλεξη του γερμανού πρέσβη Dr. Wolfgang Schultheiss PDF Εκτύπωση
  
Τρίτη, 26 Νοέμβριος 2013 09:47

Vortrag an den Universitäten Ioannina und Athen

am 5. und 8. Juni 2012

„Die deutsch-griechischen Beziehungen und die Schuldenkrise“

Als ich im Jahr 2005 meinen Posten als deutscher Botschafter in Athen antrat, wurde ich von allen glühend beneidet. Griechenland war – und ist – der Traum eines jeden gebildeten und/oder sonnenhungrigen Deutschen. Jeder deutsche Besucher ist bislang der Schönheit der Landschaft, dem Reichtum der kulturellen Schätze und nicht zuletzt der Gastfreundschaft der Griechen erlegen. Ich war mit Hingabe und Begeisterung Botschafter hier – auch noch nach dem Ausbruch der Schuldenkrise Ende 2009. Und ich würde auch heute noch mit fliegenden Fahnen auf diesen Posten zurückkehren, obwohl sich die Rahmenbedingungen ganz einschneidend verschlechtert haben. Sowohl was die Situation in Griechenland, als auch, was das bilaterale deutsch-griechische Verhältnis anbelangt.

Als ich kam, rangierte Deutschland in der Beliebtheitsskala der Griechen ganz weit oben. Trotz der bitteren Erfahrung der Besatzungszeit. Weil sich Deutschland nach dem 2. Weltkrieg gewandelt hatte. Weil viele Griechen seit Anfang der 60er Jahre in Deutschland Arbeit gefunden und sich dort vorbildlich integriert haben. 316.000 von ihnen leben immer noch in Deutschland, eine Million sind nach Griechenland zurückgekehrt, meistens um ihren Lebensabend mit der deutschen Rente in der alten Heimat zu verbringen. Das sind fast 10 Prozent der griechischen Bevölkerung. Zur Zeit der Diktatur der Obristen 1967-74 haben viele bedeutende griechische Politiker in Deutschland Zuflucht gefunden. Viele Griechen haben in Deutschland studiert, vor allem Juristen, Ingenieure, Archäologen und Ärzte. Sie sind damit einer alten Tradition gefolgt: Es wirkt immer noch nach, dass König Otto, der Wittelsbacher, bei aller Kritik, die man an seiner Regierungszeit äußern kann, vor knapp 200 Jahren letztlich doch erfolgreich und dauerhaft die Grundlagen von Verwaltung und Wissenschaft im jungen griechischen Staat gelegt hat.

Über 2 Millionen deutscher Touristen haben zu meiner Zeit jährlich Griechenland besucht. 180 deutsche Firmen haben 20.000 Griechen Arbeit gegeben. Mit meinem italienischen Kollegen stand ich im freundschaftlichen Wettstreit, welches unserer beiden Länder mit rund 10 Mrd Euro Handelsaustausch stärkster Wirtschaftspartner Griechenlands sei.

Die bilateralen Beziehungen schienen damit auf einem festen Fundament zu stehen. Auch die griechische Wirtschaft blühte. Sagten die Wirtschaftszahlen nicht aus, dass das Wirtschaftswachstum weit über dem EU-Durchschnitt lag? Dass das Pro Kopf Einkommen und damit der Lebensstandard der Griechen auch im EU-Vergleich hoch war? Der EU-Beitritt 1981 hatte Griechenland das Tor zu Europa aufgestoßen und ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung gebracht, der durch den Fall des Eisernen Vorhangs, der Griechenland von Mitteleuropa getrennt hatte, noch weiter verstärkt wurde. Die Transformation der Balkan-Staaten und der EU-Beitritt einiger gab Griechenland mehr als anderen Staaten beste Möglichkeiten, in Südosteuropa zu investieren und Geld zu verdienen. Die Griechen haben diese Chance genutzt.

Im Inneren war die politische Situation stabil: ein die stärkste Partei begünstigendes Wahlsystem sorgte für klare Verhältnisse. Die beiden große Parteien Nea Dimokratia und Pasok lösten sich in der Führung des Landes ab und hatten es in EU und Euro geführt. Drei weitere Parteien belebten die politischen Optionen. Alles schien bestens.

Und dann kam im Oktober 2009 der Schock: Das Haushaltsdefizit betrug nicht 4%, wie 6 Monate vorher, oder 6%, wie 3 Monate vorher gesagt, sondern 12% - eine Zahl, die später noch auf über 15% korrigiert werden musste. Der Staat hatte – wie andere auch - immer schon auf Pump gelebt. Jetzt aber erst wurde das Ausmaß klar, und damit wurde es so richtig teuer. Die Märkte trauten der griechischen Wirtschaft und Politik nicht mehr. Die europäischen Partnerländer waren zunächst zurückhaltend, klare Hilfszusagen zu geben. Sie glaubten (auch der Versicherung der griechischen Regierung folgend), dass politische Hilfszusagen der EU genügten, damit die Griechen aus eigener Kraft den Weg aus den Schwierigkeiten fänden. Das erwies sich als Trugschluss.

Ab Mai 2010 sah sich die EU gezwungen, ein Hilfspaket nach dem anderen zu schnüren, um den Zahlungsausfall Griechenlands zu vermeiden. Das ist gelungen, war aber auch verbunden mit harten Spar- und Umstrukturierungsauflagen, die mit schmerzhaften Einbußen, gerade bei den einfachen Griechen und den Staatsbediensteten, verbunden waren. Wie bei jedem Sparen kam die Wirtschaft unter Druck, und dieser Druck wurde dramatisch, weil die gleichzeitig von der EU und dem IWF ins Auge gefassten Reform- und Strukturmaßnahmen gar nicht, nur verwässert oder zu zögerlich angegangen wurden. Die schwierige Gratwanderung zwischen Sparen und Erhaltung des Wirtschaftswachstums, deren Brisanz allen Ökonomen bekannt ist, und deren Scheitern in Deutschland (Brüning’sche Reformen) letztlich 1933 zur Wahl von Hitler führte, ist nicht gelungen. Und um die Frage, wie man Wachstum und Sparen verbinden kann, geht es im Kern bei der gegenwärtigen politischen Diskussion innerhalb und außerhalb Griechenlands.

Die deutsch-griechischen Beziehungen sind in diesen 2 Jahren auf der Strecke geblieben. Und das, obwohl Deutschland mehr als ein Viertel der Kredite und Garantien zahlt, die Griechenland von der EU erhält. Wie kann das möglich sein?

Darauf gibt es mehrere Antworten. Die Bundeskanzlerin, Frau Merkel, war unter den europäischen Regierungschefs (andere sind in ihrem Windschatten da gerne mitgesegelt) diejenige, die anfangs besonders zurückhaltend mit konkreten finanziellen Hilfszusagen war und ab Mitte 2010 besondere Betonung auf Sparen und Haushaltsdisziplin legte. Warum tat sie das?

Deutschland hatte in den Krisenjahren davor mit Sparen gute Erfahrungen gemacht; die Früchte der Agenda 2010 zeigten sich jetzt. Warum also dieses Erfolgsrezept ändern?

Es gibt aber noch einen anderen Grund. Kaum einer erinnert sich noch daran, dass es im ersten Halbjahr 2010 eine große Frage war, ob man Griechenland unter dem EU-Vertrag überhaupt finanziell zu Hilfe eilen durfte. Die „No-bail-out Klausel“ stand dem eigentlich entgegen. Darüber konnten sich einige EU-Länder ganz offen hinwegsetzten, wie die damalige französische Finanzministerin Lagarde, die kühl erklärte: “Dann brechen wir halt den EU-Vertrag“. In Deutschland war das nicht ganz so einfach. Dort gibt es ein Verfassungsgericht, das Gesetze – und nur auf ihrer Basis kann Hilfe geleistet werden – für ungültig erklären kann, wenn sie gegen höherrangiges Recht verstoßen. Die Kläger standen schon demonstrativ bereit, eine Hilfszusage der Bundesregierung vor dem Bundesverfassungsgericht anzufechten. Ihr Erfolg hätte zur Folge gehabt, dass die gesamte Hilfe für Griechenland wieder hätte rückgängig gemacht werden müssen. Das wäre eine Katastrophe gewesen – für die Bundesregierung, aber auch für die EU und in besonderem Maße für Griechenland. Das musste also vermieden werden. Das war nur dann möglich, wenn man einigermaßen überzeugend argumentieren konnte, dass diese Hilfe nur das „allerletzte Mittel“ und für die Rettung des Euro notwendig war, dass man also nicht (nur) anderen, sondern auch sich selber half.

Als dieser Punkt erreicht war, kam die Hilfe dann schnell und ohne Rücksichten auf die politischen Kosten: Die in der deutschen Bevölkerung nicht populäre Hilfszusage kam Anfang Mai 2011, 2 Tage vor der wichtigen Wahl im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Bei der die Partei von Frau Merkel dann auch verloren hat, aus welchen Gründen auch immer.

Warum waren denn die Deutschen plötzlich so unfreundlich und knauserig, das Land ist doch so reich, mögen sich viele jetzt vielleicht fragen. Die Antwort ist, dass diese Hilfe aus Steuergeldern bezahlt wird, die sonst für den Ausbau von Kindergärten und anderen Sozialleistungen wie etwa der Erhöhung der Renten genutzt werden könnten. Vielleicht sogar für Steuersenkungen. Jeder Bürger und jeder Politiker hat da eine Wunschliste. Sie kann nicht erfüllt werden, wenn das Geld für Kredite an Griechenland gebraucht wird. Zugunsten eines Landes, dessen Regierung die Wirtschaftslage verschleiert und weit über seine Verhältnisse gelebt hat und noch lebte. Für ein Land, in dem der Angestellte bei OTE 15% mehr verdient als der vergleichbare Arbeitnehmer der Telekom in Deutschland, also praktisch in der gleichen Firma. Wo das Rentenalter nicht auf 67 angehoben wird wie bei uns, usw, usw. Das stieß bei den korrekten – und gelegentlich auch selbstgerechten – Deutschen doch auf heftige Kritik. Da wird im Ausland nicht mehr unterschieden, ob die große Masse der griechischen Bevölkerung davon wusste und davon profitiert hat. Da wird man als Volk für seine Regierung einfach in Haftung genommen.

Dieses Gefühl wurde in der Presse – schlechte Nachrichten und Empörung über andere verkaufen sich gut – zusätzlich verstärkt.

Im Jahr 2010 überboten sich viele Organe der deutschen Presse mit geschmackloser und herabwürdigender Kritik an den Griechen. Sie werden sich an das Titelbild des „Focus“ erinnern.Wie es in diesem Ausmaß dazu kam, ist mir auch jetzt noch nicht ganz klar, zumal Griechen und Griechenland bis dahin nur positive Aufmerksamkeit erfahren hatten. War es die Freude an der Kritik, mit der man sich indirekt ja selber lobt, war es enttäuschte Liebe – ich weiß es nicht. Sicher aber waren vor allem viel Unwissenheit über das heutige Griechenland und sein politisches und wirtschaftliches System dabei, ein Schuss Stammtisch, eine Prise politischer Opportunismus. Glücklicherweise ist es tendenziell im letzten Jahr besser geworden, was Rückfälle allerdings nicht ausschließt. Doch werden heute die Sparanstrengungen der Griechen in Deutschland gewürdigt, die Berichterstattung ist meistens abgewogen und informiert – wobei halt auch Analysen und Szenarien veröffentlicht werden, die den Griechen nicht gefallen, obwohl sie durchaus zutreffend sind.

Die griechische Presse ist der deutschen nichts schuldig geblieben. Sie hat sich, im Gegensatz zur deutschen, in den Jahren 2011 und 2012 auch nicht gebessert. Sie wirft Frau Merkel vor, sie spare Griechenland kaputt. Sie suche mit ihrer Politik Europa zu dirigieren. Sie stehe damit in der Tradition Hitlers. Kurz: Sie ist in Griechenland die unbeliebteste, fast muss man sagen: bestgehasste, ausländische Politikerin. Und das trotz der Tatsache, dass Deutschland entsprechend dem EU-Schlüssel über ein Viertel der Hilfe für Griechenland übernimmt. Paradox, nicht war?

Wir sind daran nicht ganz unschuldig. Wir haben es verabsäumt, unsere Positionen und Überlegungen der griechischen Öffentlichkeit zu erklären. Wie die Presse, so haben sich auch einige deutsche Politiker ungeschickt, ohne Rücksicht auf die Gefühle der Griechen und manchmal auch geschichtsvergessen geäußert: es sind halt auch junge Leute unter ihnen. Sie waren wahrscheinlich ganz überrascht, dass es so etwas wie einen Vorwurf gibt, dass Deutschland nach dem 2. Weltkrieg keine Reparationen gezahlt habe, wie virulent er noch ist und dass er in der griechischen Presse und seit kurzem auch in den Programmen der politischen Parteien neue Prominenz erhält. Sie wussten bislang wahrscheinlich nichts oder wenig über nicht zurückgezahlten Staatsanleihe, angeblich gestohlene griechische Goldreserve (stimmt nicht) und das Fehlen einer Entschädigung ziviler Opfer.

Ja, es stimmt: Reparationen wurden nie gezahlt, und deutsche Politik hat sich nie einfühlsam mit diesem Thema auseinandergesetzt. Auch deshalb, weil die obersten Gerichte in Griechenland und Deutschland, zuletzt auch internationale Gerichte, Schadensersatzansprüche verneint haben. Aber Recht ist halt nicht notwendigerweise Gerechtigkeit. Und dafür bekommen wir jetzt die Rechnung präsentiert.

Sie ist allerdings überzogen: das Fehlen von Reparationszahlen ist nicht ursächlich für die gegenwärtige Schuldenkrise. Das sagt selbst die griechische Regierung und fügt an, dieses Thema solle nicht als billige Ausrede benutzt werden und von den drängenden aktuellen Aufgaben ablenken. Recht hat sie. Hier emotional zu reagieren, ist menschlich verständlich. Emotionen zu aufzuwühlen und dann zu instrumentalisieren, ist aber Boulevard und glatter Populismus. Mögen wir Deutsche in dieser Frage moralisch vielleicht auch in der Defensive sein: für die operative Politik spielt dieses Thema keine Rolle. Sein Aufgreifen in dieser Art hindert sogar denkbare Lösungsansätze. Denn es erschwert natürlich in Deutschland - durchaus angedachte - Entscheidungen, mit denen Griechenland geholfen werden soll.

Und wie steht es mit dem Vorwurf, die EU-Staaten, allen voran Deutschland, hätten durch die Schuldenkrise in Griechenland sogar Geld damit verdient, dass sie billige Kredite teuer an Griechenland weitergegeben haben? Diese populäre Rechnung stimmt nicht ganz. Zwar hat der deutsche Finanzminister in den letzten beiden Jahren 380 Mio Euro Zinsen für griechische Staatsanleihen eingenommen. Zugleich hat er aber rund 6 Mrd Euro durch den Schuldenschnitt verloren, der der staatlichen Auffanggesellschaft für „bad banks“ Verluste in dieser Höhe gebracht hat. Dabei sind die Verluste durch die staatliche Beteiligung an der Commerzbank und den Landesbanken noch gar nicht erfasst. Ein gutes Geschäft sieht wahrlich anders aus.

Wird Griechenland von EU und IWF, allen voran den Deutschen, durch das Memorandum geknechtet und in den Ruin getrieben? Ich glaube nicht. Die Griechen haben doch selbst erkannt, dass sie grundlegende Reformen in Wirtschaft und Verwaltung brauchen, um wieder konkurrenzfähig zu werden. Das schmerzt natürlich die Minderheit, die von den alten Verhältnissen profitiert hat, ich denke da z.B. an die geschlossenen Berufe und die armen Ärzte von Kolonaki. Reformen müssen aber sein, wenn die gesamte Gesellschaft und die griechische Wirtschaft wieder auf die Beine kommen soll. Es geht um die Steuermoral, es geht um Kampf gegen die Korruption, es geht um die Straffung der Verwaltung. Warum hat Olympic Airlines vor ein paar Jahren pleite gemacht? Weil diese Staatsgesellschaft drei Mal so viel Personal hat als vergleichbare Fluglinien, Stellen die nicht notwenig waren, von den Politikern aber als Belohnung für ihre Anhänger geschaffen wurden. Diese Kosten waren mitursächlich für die finanzielle Schieflage. So geht es dem Staat mit seinen rund 900.00 Bediensteten auch. Österreich mit der gleichen Bevölkerungszahl hat nur 350.00 Staatsbedienstete. Griechenland zahlt also bei gleichem Arbeitsanfall das Dreifache für seine Staatsbediensteten. Das gibt doch zu denken. Jeder Staat kann sich ja organisieren, wie er will, aber es muss funktionieren. Niemand, auch kein Staat, kann auf Dauer auf Pump leben, - zumindest dann nicht, wenn kein Vertrauen in seine Regenerationsfähigkeit, die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft und die Effizienz seiner Verwaltung besteht. Für die will das Memorandum die Richtung vorgeben, natürlich auch, um seine Kredite zu sichern, aber in erster Linie, und das deckt sich dann, doch im Interesse der Griechen selbst.

Nun sagen viele Griechen: „Wir wissen selbst, was für uns gut ist“. Das zu sagen, ist das gute Recht eines Landes. Stimmt das aber, wenn wir rückblickend die Gründe analysieren, die zu der Krise geführt hat? Es war ja nicht die internationale Finanzkrise, die die griechische Schuldenkrise ausgelöst hat, sondern es waren hausgemachte strukturelle Schwächen der Wirtschaft, verbunden mit einer exorbitanten Ausgaben- und Verschuldungspolitik. Die Konditionalität der EU und des IMF ist hart, ich weiß das, und nicht von ungefähr hat man in der Vergangenheit in Ländern der Dritten Welt von „IMF riots“ gesprochen, wenn die IWF-Hilfszusagen an sozial unverträgliche Konditionen gebunden waren. Das Prinzip der Solidarität wird das in der EU abmildern. Hierfür gibt es ja Überlegungen. Aber um die notwendigen Reformen kommt man nicht herum, selbst wenn sie schmerzen.

Eines der populären griechischen Ziele ist es gegenwärtig, die Verpflichtungen des Memorandums aufzukündigen. Dies werde keine negativen Folgen haben. Es wird argumentiert, die EU-Mitgliedsstaaten könnten sich gar nicht erlauben, die Hilfen für Griechenland einzustellen und so seinen Bankrott und seinen Austritt aus dem Euro, vielleicht auch der EU, zu provozieren. Sie würden sich selbst damit schaden. Ich glaube, das ist ein großer Irrtum.

Denn die Drohung mit dem Selbstmord, und sei es auch nur der wirtschaftliche, und um nichts anderes handelt es sich hier, ist eine riskante Sache. Man könnte beim Wort genommen werden. Diese Politik mag vielleicht beim griechischen Wähler Erfolg haben, der die politischen Zusammenhänge nicht überblickt. Nicht aber bei den EU-Mitgliedsstaaten. Die europäischen Regierungschefs werden sich so nicht erpressen lassen. Und zwar aus 3 Gründen.

Ersten ist es eine Frage der Selbstachtung. Die haben auch andere europäische Politiker, nicht nur die griechischen. Zweitens zieht eine erfolgreiche Erpressung erfahrungsgemäß die nächste nach sich, und das will man tunlichst vermeiden. Und drittens rechnet es sich nicht für die EU Staaten – den Sympathiebonus, auf die Griechen bislang zählen konnten, können sie dann vergessen, denn der ist bei einem solchen politischen Verhalten schlagartig aufgebraucht. Deutschland würde bei einem Bankrott Griechenlands 86 Mrd Euro einbüßen. Das wäre eine bittere Pille. 1000 Euro pro Einwohner, ob Greis oder Säugling. So weit hat sich die deutsche Bevölkerung, hat sich die deutsche Regierung unter Frau Merkel für Griechenland und seine Menschen finanziell engagiert.

Aber: Wenn weiter Kredite gezahlt werden, ohne dass die Auflagen des Memorandums erfüllt werden, wird es noch schlimmer. Denn Griechenland hat immer noch ein so genanntes Primärdefizit. Auch wenn man den Schuldendienst ausklammert, gibt Griechenland dann immer noch mehr aus als es einnimmt. Ohne Wirtschafts- und Verwaltungsreformen steigt die Verschuldung, selbst wenn alle Schulden erlassen werden. Also ist es bei kühler Rechnung in dieser Konstellation für die Gläubigerstaaten finanziell besser, Griechenland gleich bankrott gehen zu lassen, als noch weiter zu zahlen. Das lohnt sich nicht mehr, wenn dadurch nicht mehr Zeit für notwendige Reformen gekauft werden kann.

Das wäre natürlich mit enormen politischen Kosten verbunden; europapolitisch, in Deutschland und in Griechenland selbst. Aber ohne Reformen, für die das Memorandum steht, kann es nicht besser werden. Dann ist für die Gläubigerstaaten schon ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende vorzuziehen.

Wenn Sie meine Prognose hören wollen, so sage ich ihnen für diesen Fall voraus: Die Hauptleidtragenden wären die Griechen selbst. Es käme mit Sicherheit zu einer Verelendung der griechischen Bevölkerung. Der Austritt aus dem Euro-Raum, vielleicht auch aus der EU, wäre eine realistische Option. Natürlich können die europäischen Partner einen „failing state“ in Europa nicht einfach zulassen, sie müssten die Armut durch Hilfen abmildern. Es wären aber nur humanitäre Maßnahmen, um das schlimmste Elend zu mildern, keine volle solidarische Aufbauhilfe für einen EU-Partner.

Aber so weit darf es nicht kommen. Das dürfen die Griechen im wohlverstandenen Eigeninteresse nicht zulassen. Aber es ist natürlich schwer für sie, populistische Versprechungen, die ihnen Hoffnung auf schnelle Besserung geben, von realistischen Analysen zu unterscheiden, die zunächst einmal nur „Blut, Schweiß und Tränen“ in Aussicht stellen.

Ich bin überzeugt, dass das Memorandum um einen Wachstumsplan ergänzt werden muss und wird. Dies wird sich angesichts der Stimmung in Griechenland und in den meisten EU-Staaten in der EU auch so herauskristallisieren. So wie wir im Verhältnis Merkel-Hollande allem Anschein nach auf einen Kompromiss zusteuern. Und das ist gut so, denn bei einem vernünftigen Kompromiss können alle Elemente einer Krisenbewältigung zum Tragen kommen. Sie dürfen dabei aber auch nicht verwässert werden. Er muss eine Art Marshall-Plan für die mittelständische Wirtschaft enthalten, einschließlich eines Fonds, aus dem schnell und unbürokratisch Kredite an den Mittelstand vergeben werden. Das muss flankiert werden von einer wirklichen Entschlackung der griechischen Bürokratie, über die schon zu meiner Zeit viel gesprochen wurde, ohne dass Durchgreifendes geschah. Da müssen die Griechen auch selber in die Hände spucken und bei sich selber aufräumen. So könnte schnell geholfen werden; die großen Strukturprojekte führen in der jetzigen Situation nicht weiter.

Deutschland doch auch schon einen Anfang dabei gemacht, das zu unterstützen. Schon im März 2010 haben Frau Merkel und Papandreou ein Partnerschaftsabkommen geschlossen, um die Reformen und die Wirtschaftsentwicklung in Griechenland voranzubringen. Das ist ein wenig versandet, aber Ende 2011 wiederbelebt worden. Seit November letzten Jahres gibt es in der Person von StS Fuchtel einen deutschen Griechenlandbeauftragten, der die deutsche Hilfe in Form von Expertise und Partnerschaft koordiniert. Die Deutsch-Griechische Versammlung, übrigens eine Gründung der deutschen Botschaft und vor allem das Werk des deutschen Generalkonsuls in Thessaloniki, unterstützt ihn dabei. Dass in der Person von Reichenbach ein Deutscher an der Spitze der Task Force der EU steht, die beratend tätig ist, ist reiner Zufall und ausschließlich seiner Qualifikation geschuldet, aber immerhin. Mit diesen Bemühungen zeigt Deutschland, dass es über die Teilnahme am Hilfsprogramm der EU hinaus Griechenland helfen will und tatkräftig damit begonnen hat.

Denn es gibt in Deutschland trotz allem ganz überwiegend Sympathie für Griechenland. Es gäbe auch mehr deutsche Touristen in diesem Jahr, wenn die hitzigen Demonstrationen und deutschlandfeindliche Parolen deutsche Urlauber nicht davon abgeschreckt würden, in Griechenland Urlaub zu machen. Sie wissen halt nicht, dass die Gastfreundschaft der Griechen ungebrochen ist. Die Griechen ihrerseits müssen lernen, dass Vieles, was sie tun und von ihnen vielleicht so nicht gemeint ist, im Ausland – teilweise durch das Vergrößerungsglas des Fernsehens – anders ankommt und seine Konsequenzen hat.

Ich hatte einmal einen Chef, der sagte, man könne schon Fehler machen, man müsse nur für sie bezahlen. Wir wollen Griechenland gerne bei dieser „Bezahlung“ helfen. Das setzt aber auf ihrer Seite Eigenanstrengungen und Vertragstreue, die Vertrauen schafft, voraus.

 

Τελευταία Ενημέρωση ( Πέμπτη, 12 Δεκέμβριος 2013 17:49 )
 

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